von Waldemar Pabst

Neulich schmollte der arme Putin, weshalb er dem deutschen Botschafter ausrichten ließ, dass er sich provoziert fühlte, hatte doch Wolfgang Schäuble vor einer Schulklasse folgendes gesagt: “Das kennen wir alles aus der Geschichte. Mit solchen Methoden hat schon der Hitler das Sudetenland übernommen – und vieles andere mehr.” Das tut natürlich weh, wenn man gerade in den Nachbarstaat einmarschiert ist, seine Armee an Grenzen zusammen zieht und darüber nachdenkt, was man als nächstes haben möchte, wer fühlt sich schon gern ertappt. Wladimir ist ein sensibler Mann. Ausgerechnet Schäuble, der Finanzminister, die Empörung erfasste auch Putins Speichellecker von der EU-Paranoidenfraktion und die arme FDP, die endlich wieder in die Zeitung wollte.

Wer heutige Diktatoren mit Hitler gleichsetzt, rechte Gegner Nazis nennt, der hat in der Regel keine Ahnung davon, was Nazis sind, was ihre Weltanschauung war, die konsequent zu Shoa, Massenmord und Vernichtungskrieg führte, der verharmlost den Nationalsozialismus und relativiert ihn. Nur hatte Schäuble ganz etwas anderes getan. Sein Vergleich bezog sich auf Putins Vorgehen bei der Besetzung der Krim und seine Begründung dafür.

Inzwischen sind wir einige Tage weiter und es vollzieht sich Unheimliches im Osten der Ukraine.

Seit Tagen schüren dort bewaffnete “Demonstranten” die Gefahr einer blutigen Auseinandersetzung. Sie stürmen Verwaltungsgebäude, besetzen sie, rufen auch schon einmal eine unabhängige Ostukraine aus, flehen um den Beistand des heiligen Russland. Ab und an vertun sie sich auch und okkupieren das Opernhaus anstelle der Bürgermeisterei oder wissen nicht wer der ukrainische Gouverneur ist, der mit ihnen verhandeln will und machen etwas unfreiwillig deutlich, dass sie wohl noch nicht ganz so lange in Charkow, Donezk und an den anderen Brennpunkten sind, vermutlich von der anderen Seite der Grenze kommen. Von der Seite, auf der schwerbewaffnete Truppen zusammen gezogen sind, die jederzeit einmarschieren könnten. Dabei überschlägt sich die russische Propagandamaschinerie täglich mehr. Innerhalb Russlands wie im Ausland. Während die ukrainischen Sicherheitskräfte, nach den Umwälzungen im eigenen Land mehr oder weniger hilflos agieren, kann man von russischen Medien Märchen über amerikanische Söldner und rechtsradikale Milizen hören, die davor stünden, die armen Demonstranten, die doch nur die Furcht vorm ukrainischen Putschregime umtriebe, hinzumetzeln könnten. Es herrscht Hysterie und die verbreitet nur, wer eskalieren will, das eigene Volk und die Welt darauf vorbereiten möchte, dass Größeres bevor stehen könnte.

Wie war das damals, 1938, in der Sudetenkrise. Richtig, Hitlers Deutschland war auf Expansionskurs, Heim ins Reich hieß das, was jetzt mit dem Euphemismus des Sammelns russischer Erde umschrieben wird. Beides steht für dasselbe, die gewaltsame Expansion eines Landes um die Gebiete der Nachbarländer, in denen Minderheiten des eigenen Volkes leben, die angeblich vor Verfolgung geschützt werden müssen. Zuvor war Nazideutschland nach Österreich einmarschiert, hatte danach eine Volksabstimmung mit riesigem Propagandaaufwand stattfinden lassen mit dem zu erwartenden 99% Ergebnis und unter dem Jubel einer vermutlichen wirklichen Mehrheit der Bevölkerung. Minderheiten waren vom ersten Tage an der Verfolgung ausgesetzt. Jetzt setzte der nächste Schritt ein. Merken der Leser was? Kommt irgendetwas bekannt vor? Falls nicht müssen Sie schon jetzt die Augen und Ohren ganz fest zugemacht haben.

Im Sudentenland lebten mehrheitlich Deutsche, die sich nach der Gründung der Tschechoslowakei plötzlich in einem anderen Staat wiederfanden, der sicher nicht immer geschickt mit ihnen verfahren ist, aber ein freiheitlicher Staat im Vergleich zum Reich war, das begann Hass und Aufstandsbewegung zu schüren, aus sudentendeutschen Vereinigungen und Parteien bewaffnete Verbände zu machen, Agenten und Insurgenten einzuschleusen, tschechische Reaktionen zu provozieren, die es zum Vorwand nahm, die Annexion des Gebietes, eines großen Teils des Staatsgebietes des Nachbarn zu fordern, während die Wehrmacht sich zum Einmarsch positionierte. Nur wer es überhaupt nicht sehen will, der kann leugnen, dass wir im Falle der russischen Ukrainepolitik zur Zeit an genau diesem Punkt angekommen sind.

Vergleiche bestimmter Wiederholungen historischer Wege sind natürlich auch dann zulässig, wenn es um die Außenpolitik Adolf Hitlers von 1933 bis 1939 geht. Das hat weder etwas mit Vernichtungskriegen oder gar der Shoa und anderen unsagbaren Verbrechen zu tun, sondern damit, dass die Bereitschaft zur Hinnahme der Einmärsche aus Angst vor dem Krieg, der Weg in den Krieg war. Mit jedem Erfolg wurde die Gier größer, solange bis er die anderen Mächte nur noch verachtete und die rote Linie überschritt, die diese ernst meinten.

Wenn an Schulen im Geschichtsunterricht dies Geschehen in den 30er Jahren gelehrt wird, als Beispiel dafür, dass Appeasement (ein Begriff, der heute Schimpfwort ist) das Desaster erst befördert, das anfangs, bei der Rheinlandbesetzung, noch mit einem Schulterzucken im Ansatz erstickt hätte werden können, dann macht es nur dann Sinn, wenn künftige Generationen das Gelernte auch anwenden dürfen. Benennen dürfen, benennen müssen, wenn vor aller Augen eine Großmacht Schritt für Schritt ihren Nachbarn zerschlägt und erwartet, dass dies hingenommen wird. Auf jeden Schritt den nächsten folgen lässt.

Adolf Hitler bekam das Sudentenland kampflos. Er garantierte dafür den Rest der Tschechoslowakei und besetzte ihn kurzerhand 6 Monate später. Als er sich Polen zuwandte, überschritt er die letzte Geduldsgrenze der bisher so nachgiebigen Regierungen Englands und Frankreichs. Er war völlig überrascht.

Hinter der Ukraine liegen Rumänien, das Baltikum und Polen. Diese Staaten sind Mitglied der Nato. Die baltischen Staaten mit starken russischen Minderheiten waren einmal Teil der Sowjetunion.

Schäubles Vergleich darf nicht versteckt oder kleingeredet werden. Er war befreiend notwendig. Heute mehr denn je. Wenn wir nicht unsere Haltung daran orientieren, dass Hinnahme katastrophal ist und den Appetit des Aggressors durch klare Haltungen und ökonomische Konsequenzen zügeln, die Russland gar nicht brauchen kann, dann haben wir die Folgen nicht besser verdient.

Advertisements