Blog zum Sonntag: Entwürdigung der Hagia Sophia

+ Eine kalkulierte  Vernichtungsansage an das Christentum

Die Geschichte von Byzanz, Kaiser Konstantin und der Hagia Sophia

 

Wenn das reiche Byzanz untergegangen ist , das Ostrom, dann kann dies auch mit Westrom – Europa – geschehen: Das ist die politisch-religiöse Botschaft von Erdogan an die christlich-abendländische Kultur der Europäer

 

 

Von Peter Helmes*

 

Der Sultan hat wieder zugeschlagen – und eine alte Drohung wahrgemacht: die Rückführung der altehrwürdigen Hagia Sophia in eine Moschee. Damit wurde eine auch christliche Tradition brutal mit Füßen getreten. Mit dieser Entscheidung entfernt sich Erdogan immer weiter von Atatürks Ideal eines säkularen Staates. Aber mit seiner selbstherrlich getroffenen Entscheidung (ja, ja, ich weiß, „die Gremien“ – Parlament und Richter – haben zugestimmt) hat Präsident Erdogan eine Grenze überschritten: Er zwingt seinem Land – und der Welt – einen Richtungswandel auf, der die moderne Türkei verändern wird.

Es gibt sicher unterschiedliche Sichtweisen auf diese „Umwandlung“. Und gewiß, auch andere Länder treffen eigene Entscheidungen im Umgang mit ihren religiösen Gebäuden.

Aber keine hat eine solche Bedeutung wie die Umwandlung der Hagia Sophia, sie ist ein Fanal – eine Kampf-, ja Vernichtungsansage an das Christentum!

Die Hagia Sophia spielt in der Geschichte des Christentums eine zentrale Rolle. Die Kathedrale aus dem 6. Jahrhundert ist ein Meisterwerk aus byzantinischer Zeit und UNESCO-Weltkulturerbe.

Daß Erdogan sie jetzt wieder in eine Moschee umwidmet, provoziert seine säkularen Landsleute und religiöse Minderheiten im Land, aber vor allem orthodoxe Kirchenvertreter in der ganzen Welt.

Die Hagia Sophia ist keine rein innertürkische Angelegenheit. Als Museum hätte sie weiterhin als Brücke zwischen unterschiedlichen Glaubensrichtungen und Kulturen dienen können.

Islamische Republik Türkei

Erdogan verrät letztlich das Erbe des Gründers der modernen Türkei, Kemal Pascha Atatürk, der seinem Land eine laizistische Struktur verordnet hatte und – als sichtbares Zeichen dafür – die vormalige Kirche und Moschee 1934 in ein Museum verwandelte, das jedem Besucher offenstand. Mit seinem Schritt hat Erdogan also nicht nur die Christen vor den Kopf gestoßen, sondern auch ein Zeichen gegen den Laizismus gesetzt – und damit ein deutliches Zeichen für seine wahre Absicht gegeben, nämlich die Türkei in eine islamische Republik zu verwandeln.

Erdogan hat jetzt gezeigt, daß er keine andere Möglichkeit mehr sieht, als islamistische und nationalistische Kreise zu bedienen. Mag sein, daß sich der Diktator vom Bosporus von der für die Türkei negativen politischen und vor allem wirtschaftlichen Entwicklung in die Enge getrieben fühlte oder ob er dies aus strategischer Überlegung heraus getan hat, er wird einen hohen Preis für sein Ablenkungsmanöver bezahlen müssen. Er mußte wohl diese vermeintliche Trumpfkarte spielen, weil er sonst kaum noch etwas in der Hand hat.

Vier Jahre nach dem Putschversuch wachsen bei vielen Türken Zweifel, ob er der richtige Mann ist, um das Land aus der Krise zu führen. Da nützt auch nichts der schiefe Applaus, der ihm von seinen islamischen Brüdern aus „befreundeten“ Staaten gezollt wird. Er verliert überall an Boden. Erdogan steht politisch mit dem Rücken zur Wand. Im Laufe der Jahre hat er sich mit allen innenpolitischen Partnern überworfen – nur die Rechtsnationalisten sind ihm geblieben.

Erdogans Coup d´ Etat ist zugleich ein Spiel mit dem Feuer: Auf der einen Seite wird er dem die russisch-orthodoxe Kirche hätschelnden russischen Präsidenten Putin seine Motivation erläutern müssen, der den Akt wohl eher wie einen hingeworfenen Fehdehandschuh begreifen wird. Auf der anderen Seite dürfte das Verhältnis zum orthodoxen Nato-Partner Griechenland jetzt vollkommen zerrüttet sein.

Daß er dabei die Beziehungen zur EU, zur Nato und zu den USA allzu leichtfertig aufs Spiel gesetzt und zutiefst gefährdet hat, wird ihm erst später aufgehen. Es bleibt abzuwarten, ob sich die Nato zu Sanktionen entschließen wird. Wohl eher nicht, aber das Klima ist versaut.

Die Umwidmung der Hagia Sophia könnte sich noch als schwerer Fehler erweisen.

 

 

 

 

*Peter Helmes ist freier Autor und Herausgeber von Conservo, dem Organ der Deutschen Konservativen, welche er zusammen mit Franz-Josef Strauß und anderen gründete. Helmes war jahrelang Bundesgeschäftsführer der Jungen Union, Berater der Bundestagsfraktionen von CDU/CSU und Dozent für Medienwissenschaften und Kommunikation an der Uni Fribourg (Schweiz).

 

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Hagia Sophia: Von der Kirche zur Moschee

 

 

Titelbild: Jesus Ikone an der Domkuppel der Hagia Sophia / Pixabay / Freie Nutzung

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