Faktenpuzzle: Chemnitz und der verrutschte Journalismus

 

 

Seit Tagen versuche ich, in der Causa Chemnitz einige sinnvolle und zusammenhängende Gedanken zusammen zu schreiben und muss doch immer wieder verwerfen und neu ansetzen. Vor allem, weil mir an vielen Stellen einfach die Fakten fehlen, denn ich war ja nicht vor Ort. Doch dieses offizielle Faktendefizit hindert viele Journalisten und Aktivisten (sofern hier keine Personalunion vorliegt), die ebenfalls nicht vor Ort waren nicht daran, den Blasebalg der Empörung kräftig zu treten. Es ist, als wolle man im Experiment beweisen, dass die Wellen, die ein geworfener Stein im See schlägt, mit der Zeit immer höher werden können. Dabei ist der Stein selbst schon beinahe aus dem Blick geraten und tot zu Boden gesunken. Denn bei aller Sachsenschelte bleibt der Mord am Rande des Stadtfestes doch immer noch das auslösende Ereignis. Ein Mord, den man beim schlechtesten Willen nicht den Chemnitzern im speziellen oder den Sachsen im allgemeinen in die Schuhe schieben kann – obgleich man genau dies versucht, wie ich noch zeigen werde.

Von Roger Letsch

 

Die Abfolge der Ereignisse ist jedoch ein Stück, das bereits mehrfach in Deutschland zur Aufführung kam und wohl auch weiterhin gegeben wird: Eine mehr oder weniger kleine Gruppe von Menschen, die in einem Ort als Gäste der Bundeskanzlerin und der jeweiligen Landesregierung leben und von den lokalen Normen abweichende Vorstellungen von Freizeitgestaltung und Ehre haben, fallen wiederholt durch „Ärger“ auf. Der beschreibende Euphemismus nach der finalen Begebenheit für solche Gäste lautet dann „polizeibekannt“ oder „im Stadtbild bekannt“. In den meisten Fällen handelt es sich um Menschen, deren Asyl- oder Migrationsbegehr abgelehnt wurde und die deshalb den Status „geduldet“ haben – was bedeutet, dass sie nach Recht und Gesetz eigentlich überhaupt nicht hier sein dürften.

Die Bürger der duldungsbereiten Orte beobachten seit Jahren einen signifikanten Anstieg spezifischer Straftaten, insbesondere sexuelle Belästigung und Vergewaltigungen nehmen zu, ebenso Diebstähle, Schlägereien und ähnliche Übergriffe, die auf eine „kurze Zündschnur“ hinweisen. Was auch signifikant zunimmt sind die demonstrativen Aktionen jener (mehr …)

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